Zu Fuss auf der Via Transilvanica 

11 · 18 · 25

18.08. – 02.10.2025

Allgemeine Information:

Die Via Transilvanica in Rumänien ist eine 1 400 Kilometer führende Route auf der 2 000-jährigen Geschichte Transsilvaniens von Putna bis Dobreta-Turnu-Severin. Sie gliedert sich in sieben historisch-kulturelle Regionen: Bukowina, Das Hochland, Terra Sicolorum, Terra Saxonum, Terra Danica, Terra Banatica und Terra Romana.

Mitte August beginne ich meine Wanderung mit dem Pilgerwagen in Vatra Dornei (Rumänien). Gleich zu Beginn geht es steil hoch zum Startpunkt eines Skiliftes. Und danach weiter hoch am Lift entlang. Nach einem ebenso steilen Abstieg bin ich froh eine Weile einer asphaltierten Forststraße folgen zu können. Auf einer gemähten Wiese mit Obstbäumen verbringe ich die erste Nacht im Zelt unter dem Sternenhimmel.

Durch Wald und über Viehweiden erreiche ich Poiana Stampei, wo ich die Gelegenheit nutze, etwas einzukaufen. Kurz danach kommen einige kräftige An- und Abstiege und mehrmals habe ich große Mühe den Pilgerwagen beim Abstieg abzubremsen. Neben einer Pension in Lunca Ilvei kann ich zelten und ein Abendessen bestellen. Der Hunger lässt nicht lange auf sich warten.

Am nächsten Tag muss ich zweimal einen Fluss überqueren. Die Breite der Brücke ist geradeso ausreichend um den Pilgerwagen auf die andere Seite zu schieben. Ein wahrer Balanceakt! Danach folgt ein Weg mit viel Geröll, es soll nicht der letzte sein auf dieser Wanderung.

Gegen Abend erreiche ich das Camp von Tasuleasa Social, einer Organisation, die die Via Transilvanica ins Leben gerufen hat. Da dort alle Betten wegen einer Veranstaltung belegt sind, schlafe ich wieder im Zelt mit Blick auf Berge und ein weites Tal. Hier bleibe ich zwei Nächte, um neue Kraft für die weitere Wanderung zu schöpfen. Über Bistrita Bargaului laufe ich weiter in Richtung Petris. Im Wald verlaufe ich mich, dank einiger Waldarbeiter finde ich dann später wieder den richtigen Weg und die Markierung. In Petris schlage ich mangels anderer Alternativen das Zelt vor einem leerstehenden Haus auf. Vor dem Haus gegenüber steht ein Mann, den ich frage, ob ich sein Bad benutzen kann. Zu meiner Überraschung zögert er nicht lange und stimmt zu. Als ich später vor dem Zelt sitze, ruft er mich zu sich ins Haus, wo gerade gegrillt wird. Ich bin eingeladen: Essen und Trinken in Hülle und Fülle! Die anschliessende Nacht im Zelt ist leider recht laut – bellende Hunde, fahrende Autos und lautes Geschrei. Dafür ist das Frühstück mit der Familie von gestern ein Highlight und eine Riesentüte mit Proviant gibt es noch dazu.

Heute geht es durch eine offene Landschaft, entlang vieler Maisfelder. Nach rund 30 Kilometern erreiche ich Jeica, wo nur wenige Menschen leben. Direkt neben der Kirche kann ich das Zelt aufstellen, Wasser hole ich aus einem Brunnen.
Das Zelt ist feucht am Morgen, sodass ich es wie so oft unterwegs bei einer Pause trocknen muss. Über Viehweiden und am Waldrand entlang erreiche ich ein langes Waldstück. Nach einigen Kilometern bemerke ich, dass ein Reifen keine Luft mehr hat. Als ich den Schlauch flicken will, stelle ich mit Entsetzen fest, dass der Kleber ausgetrocknet ist! Also muss ich mit dem platten Reifen bis zum nächsten Dorf laufen, wo ich einen Mann um Hilfe bitte. Wir laden den Pilgerwagen in sein Auto und er fährt mich in den nächsten Ort zu einem Vulkaniseur. Dort stellen wir fest, dass der Schlauch sechs (!) Löcher hat, die geflickt werden müssen. Er schenkt mir einen Rest Kleber und will kein Geld für die Reparatur. Und seine Frau schenkt mir noch Tomaten, Paprika und vieles mehr, der Pilgerwagen quillt fast über!

In einem ehemaligen Altenheim verbringe ich die heutige Nacht – die Umgebung und die gefühlte Atmosphäre stimmt nachdenklich. Der Priester selbst bereitet am Morgen danach das Frühstück zu.
Nach einigen Orientierungsproblemen während des Tages und ersten Müdigkeitserscheinungen bei sonnigem und warmem Wetter frage ich in dem Dorf Ideciu de Sus einen Mann, ob ich in seinem Hof das Zelt aufschlagen darf. Er stimmt zu und ich kann das Bad zum Duschen nutzen. Später darf ich sogar in einem Nebengebäude des Hauses in einem Bett die Nacht verbringen, sodass ich mir den Aufbau des Zeltes heute sparen kann. 

Die nächsten Tage sind anstrengend, es ist sehr warm und viele Steigungen und schlecht zu laufende Wege (Steine, Geröll, ausgefahrene Wege). Gelegentlich benutze ich auch meinen Spiritus-Kocher um Essen zuzubereiten, denn nicht immer gibt es unterwegs eine Möglichkeit zum Essen. Hunde stellen auf der Wanderung sehr oft ein Problem da, seien es Hunde bei Schafherden, wilde Hunde im Wald oder vor Häusern. Ich verhalte mich ruhig, vermeide Blickkontakt und habe Glück, dass sie mich in der Regel in Ruhe lassen. In Zimti gibt es viele Häuser/Cabanas, die an Touristen vermietet werden und so kann ich mitten im Wald in einem Haus übernachten, inklusive Abendessen und Frühstück, das die Vermieterin vorbei bringt.

Es gibt Tage, da sehe ich kaum ein Dorf, geschweige denn Menschen. Über Campo Cetatii erreiche ich an einem der folgenden Tage Sovata – hier gibt es viele Hotels und Pensionen und Salzseen als Attraktion. Ich nehme mir ein privates Zimmer. Wegen Regen verzögert sich der Start am nächsten Morgen etwas. Im Wald lässt dann der Regen nach, aber einige extrem steile An- und Abstiege machen mir zu schaffen. Bei Sasverdes führt der Weg fast direkt durch die Hochland-Käsefabrik und anschließend wieder in den Wald. In Praid, bekannt für sein Salzbergwerk fängt es bei meiner Schlafplatzsuche an zu regnen. Da ich keine sonstigen Übernachtungsplätze finde, die geöffnet sind, baue ich das Zelt neben einem Schmetterlingshaus auf. In einem Restaurant im Zentrum esse ich gut zu Abend, aber als ich zum Zelt zurück kehre, fängt es richtig an zu regnen. Nach einiger Zeit im Zelt, dringt das Wasser in den Innenraum ein und ich beschließe spontan einen alten Mann im Haus nebenan zu fragen, ob ich wegen des Regens auf seiner Terrasse schlafen kann. Die Verständigung ist schwierig, aber er hat ein großes Herz und willigt schliesslich ein. Er bringt mir sogar noch ein paar Decken, obwohl ich die nicht brauche. Nach dieser chaotischen Nacht verabschiede ich mich mit großer Dankbarkeit. Abends habe ich noch gesehen, dass seine Frau bettlägerig ist.

Das Zelt ist klatschnass und doppelt so schwer als ich es abbaue und im Wagen verstaue. Die Wege heute sind infolge des gestrigen Regens aufgeweicht und schlammig. An manchen Stellen habe ich größte Mühe nicht mitsamt dem Wagen im Morast stecken zu bleiben. In Inlaceni treffe ich einen Einheimischen, der mich einlädt in einem Nebengebäude  zusammen mit Fahrrädern und Surfbrettern auf dem Holzfussboden die Nacht zu verbringen. Er ist ungarischer Abstammung und spricht gut Englisch. Seine Nachbarin bringt mir kurz darauf sogar noch ein warmes Abendessen ins Zimmer. 

Nach einigen Kilometern auf einer kaum befahrenen, asphaltierten Straße geht es dann wieder über Felder und Wiesen und einer langen Schotterpiste hoch nach Dealu, wo ich ein Zimmer neben einem kleinen Laden bekomme. In diesem Teilabschnitt der Wanderung wird viel ungarisch gesprochen. Abwechslungsreich über Wiesen, Felder, Wälder und Anhöhen komme ich nach mehreren Stunden in die Stadt Odorheiul Secuiesc. Ich lasse meinen Wagen bei einem Restaurant im Zentrum stehen und fahre mit einem Taxi zu einem Radgeschäft, denn ich brauche unbedingt einen Ersatzschlauch für meine Reifen. Nach dem Kauf gönne ich mir ein Mittagessen, bevor ich weiter laufe. Ein Weg mit großen Steinen ist schwierig mit dem Wagen zu begehen und er scheint endlos zu sein. In Ghipes frage ich einen Mann vor seinem Haus wegen Übernachtung im Zelt auf seinem Grundstück. Seine Frau kommt dazu und nach einiger Zeit kann ich reinkommen. Im Bad macht man extra für mich den Holzofen an und schon bald kann ich warm duschen. In der Zwischenzeit hat die Frau eine ausgezogene Couch im Nebenzimmer zum Schlafen für mich vorbereitet…

Obwohl mein Kopf von der vielen Sonne schon heiß genug ist, darf der Palinka-Schnaps zum Abendessen natürlich nicht fehlen…

Nach dem üppigen gemeinsamen Frühstück geht es zunächst entlang einer Straße bis Martinis und dann über Weiden mit Kühen und Schafen. Nach etwa 25 Kilometern Tagesmarsch komme ich ins Dorf Uliesu, wo alle Häuser verschlossen scheinen oder niemand aufmachen will. Zwei Mädchen bringen mich schließlich zu einem Haus, wo mir der Mann einen Zeltplatz auf seiner Wiese anbietet. Und sein Bad darf ich auch noch zum Duschen benutzen. Als ich am folgenden Morgen loslaufen will, bemerke ich, dass ein Reifen platt ist. Schon wieder! Zum Glück habe ich gerade erst einen Ersatzschlauch gekauft, den ich jetzt gleich nehmen kann. Nach diesem erneut verspäteten Start verliere ich die Markierung und irre lange Zeit im Wald herum. In Archita muss ich erst eine gefühlte Ewigkeit lang an den Bahngleisen entlanglaufen, bevor ich sie überqueren kann um in das Dorf zu gelangen. Der Zeltplatz heute befindet sich eingepfercht neben einem Hühnerauslauf. Heute scheint nicht mein Tag zu sein.

Von der Tabaluga-Stiftung (Peter Maffay) schön restaurierte Häuser im Stil von Siebenbürgen stechen hervor. Hier und in den folgenden Orten (Crit – Deutschkreuz) ist der deutsche Ursprung noch zu sehen und zu spüren. In Klosdorf (Cloasterf) zelte ich auf einem Campingplatz mit Blick auf die imposante Wehrkirche. Die Inhaberin des Campingplatzes schenkt mir ein paar Pfannkuchen von ihrer Mutter – lecker!

Beeindruckend auch die Kirche in Saschiz, an der ich am nächsten Tag vorbei komme. Danach führt der Weg wieder aufwärts und er zieht sich in die Länge. Gut, dass ich am Morgen noch etwas einkaufen konnte, denn danach gibt es keine Möglichkeit mehr. Telefonisch habe ich ein Platz für mein Zelt am Ortsrand eines Grundstückes in Sapartoc reserviert. Da ich allein bin, stelle ich das Zelt unter die große überdachte Terrasse, da die Wiese sehr uneben ist. Am nächsten Morgen kommen die Eigentümer und bringen das Frühstück. Nette Leute!

Einem steilen Anstieg folgt ein moderater Weg durch Eichenwälder und später bergab bis in die Stadt Sighisoara. Hier habe ich ein Zimmer im Burghostel reserviert und bin erstaunt, dass alles über Codes an den Türen funktioniert und eine Rezeption gibt es nicht mehr….

Sighisoara (Schässburg) wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von deutschen Einwanderern, Siebenbürger Sachsen, gegründet. Das historische Stadtzentrum mit dem Stundturm als Wahrzeichen der Stadt ist UNRESCO-Weltkulturerbe. Da Regen gemeldet ist, beschließe ich zwei Nächte hier zu bleiben. Außerdem ist eine Pause auch nicht zu verachten. 

Nachdem ich Sighisoara verlassen habe, folgt ein langer, aber abwechslungsreicher Weg. Einige Brombeeren am Wegesrand sind noch reif – ein willkommenes Dessert. Malancrav (Malmkrog) ist eines der wenigen Dörfer in Siebenbürgen, in denen es sowohl ein ungarisches Adelsschloss als auch eine sächsische Kirchenburg gibt. Telefonisch habe ich einen Zeltplatz bei einer Zimmervermieterin angemeldet und ein Abendessen sowie Frühstück bestellt. Das Essen gibt es bei einer anderen Frau in einem Haus in der Nähe. Gute regionale Küche!

Nach dem kräftigen Frühstück laufe ich an der Wehrkirche des Ortes vorbei und folge einem steilen, schlammigen Weg. Ich bin froh, als dieser Weg durch einen Schotterweg abgelöst wird. Bei Biertan mit seiner mächtigen Kirchenburg, die ich auch besichtige, frage ich an einem Haus  nach einer Tomate vom Garten und bekomme drei riesige geschenkt. Auf einer Treppe vor einem anderen Anwesen esse ich dann, bevor es über Copsa Mica weiter geht. Die Stadt und die Gegend um Copsa Mica waren einst die Gebiete Rumäniens mit der höchsten Umweltverschmutzung infolge einer Russfabrik und einer Buntmetallhütte.

In Richis bin ich der einzige Gast in einem neuen Hostel, so kann ich mich gut ausruhen nach einem anstrengenden Tag. In der vorhandenen Küche mache ich mir ein kräftiges Frühstück mit Eiern, Schinken, Käse, Tomaten bevor ich loslaufe. Der leichte Nieselregen hört vor Mosna, wo ebenfalls eine beeindruckende Kirchenburg steht, auf. Doch bis zum Tagesziel Medias muss ich noch einige Kilometer laufen. Medias (Mediasch) wurde Mitte des 13. Jahrhunderts von siebenbürgisch-sächsischen Siedlern besiedelt. Die historische Altstadt mit Margarethenkirche und dem schiefen Trompeterturm ist sehenswert. Nach einer Besichtigung der Stadt kann ich heute bei Freunden meiner Vermieter übernachten, der Wanderweg führt direkt am Haus vorbei.

Beim Start am frühen Morgen ist es neblig und trüb im Wald – eine besondere Stimmung liegt in der Luft. In Bazna besichtige ich die Kirchenburg im Rahmen einer Führung, bevor es wieder über Feld, Wald und Flur und später weniger schön entlang einer verkehrsreichen Straße bis Axente Server in der Nähe von Sibiu weiter geht. Dort finde ich nur mit Müh und Not einen Übernachtungsplatz in einem Restaurantbetrieb, der eigentlich geschlossen ist. Der weitere Weg folgt dann parallel zu einem Fluss und führt mich nach Seica Mica, wo ich auf einer Bank meinen Kocher anwerfe und mir etwas zubereite. Es folgt dann dichter Wald mit einem Warnhinweis auf Bären, die mir jedoch auf der ganzen Wanderung nirgends begegnen. Dafür gibt es schöne Ausblicke auf die bergige Umgebung bis Lodroman, wo ich auf einem Campingplatz das Zelt aufschlage. Da es nachts geregnet hat, muss ich am Morgen wieder einmal das nasse Zelt einpacken. Durch den Regen sind einige Wegstrecken schwierig zu laufen und zu „befahren“. Und erneut muss ich in einem Buchenwald einen platten Reifen feststellen. Ich beschließe aber bis zum nächsten Ort weiter zu laufen und dort im Hof eines Hauses die Reparatur in aller Ruhe durchführen zu können. Gleichzeitig nutze ich die Gelegenheit das nasse Zelt an einem Zaun zu trocknen. 

Im Haus einer kirchlichen Organisation in Blaj bekomme ich heute Nacht ein Zimmer. Der Pilgerwagen steht neben meinem Bett. Von den Gründern der kulturellen Bewegung „Siebenbürgische Schule“ wurde in Blaj (Blasendorf) ein Grundstein zum rumänischen Nationalbewußtsein gelegt. Ich nehme mir einen Ruhetag, auch brauche ich einen Motivationsschub um weiter zu laufen.

Alba Iulia (Karlsburg) hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Die Festung Alba Carolina ist die wichtigste Sehenswürdigkeit. Erbaut im Zeitraum von 1714 – 1738 wird sie als die repräsentativste Bastionsfestung des Vauban-Stils in Rumänien oder sogar im Südosten Europas betrachtet.

Hier übernachte ich bei Freunden von Bekannten, die mich in ein Dorf in der Nähe der Stadt bringen. Verpflegung und Proviant für die weitere Wanderung eingeschlossen. Überall begegnet mir grosse und herzliche Gastfreundschaft. 

Vor Sebes (Mühlbach) geniesse ich auf einer Anhöhe einen fantastischen Blick auf Alba Iulia und die Umgebung. Kein Mensch begegnet mir auf meinem weiteren Weg bis Pianu de Sus. Hier hat ein enthusiastisches Paar eine Pension aufgebaut, die eher wie ein Museum anmutet. Über das Kloster Afteia mit beeindruckenden Fresken geht es nach einem langen Abstieg durch den Wald bis Vinerea, wo ich in einem Zimmer einer Cabana übernachte. Diesmal bin ich nicht allein, denn eine Wandergruppe aus Constanza ist auch da. 

Am nächsten Morgen bin ich nach dem Frühstück der erste, der losgeht. In Ramosel mache in neben einem kleinen Laden meine Mittagspause, bevor es auf einer asphaltierten Straße und danach auf einer Schotterstraße fast 7 km bergauf geht. Viel Wald und atemberaubende Fernsicht lassen die Strapazen vergessen. Ciungu Mare, der Endpunkt für heute ist kein Dorf, sondern ein Weiler mit wenigen Hütten und Häusern. Telefonisch habe ich bei einer Familie ein Bett und Essen reserviert. Sonst gibt es hier nirgends eine Verpflegungsmöglichkeit. Das Essen bei der Familie kommt aus eigener Herstellung und ich kann gar nicht alles essen. Draussen vor dem Haus laufen Schweine auf der Straße und am Abend geht die ganze Familie zum Melken der Kühe.

Nach dem Frühstück und der herzlichen Verabschiedung geht es erst einmal bergab, aber schon bald beginnt der Weg wieder anzusteigen. Die Strecke zieht sich in die Länge und so muss ich heute unterwegs im Wald übernachten. Nachdem ich schon fast aufgegeben habe, einen vernünftigen Platz für das Zelt zu finden, erscheint wie aus dem Nichts mitten im Wald plötzlich ein Haus im Rohbau neben einer kleinen Grasfläche. Aber genau dort kann ich mein Zelt hinstellen, den Pilgerwagen stelle ich in den Rohbau.

Die archäologische Stätte von Sarmizegetusa Regia liegt heute mehr oder weniger auf meiner Route, sodass ich mir eine Besichtigung nicht nehmen lasse. Sarmizegetusa Regia war bis zur Zerstörung im Jahre 106 im zweiten Dakerkrieg des römischen Kaisers Trajan ein militärischer Stützpunkt und Hauptstadt des antiken Reiches der Daker.

Die seltene Gelegenheit unterwegs entlang des Weges ein geöffnetes Restaurant zu entdecken nutze ich gnadenlos aus und mit dieser Stärkung folge ich einem langen, felsigen und teilweise sehr feuchten Weg meist bergauf, der mich an meine Grenzen bringt. Als es ein Stück steil bergab geht, rutsche ich aus und hole mir ein paar Schürfwunden an den Fingern. Später folgt ein Weg über eine Kuhweide, wo mir zwei Hunde das Laufen schwer machen. Wieder einmal kommt vieles zusammen!

Die wenigen Hütten und Häuser, die meisten davon unbewohnt von Fundatura Ponorului sind nur über einen engen, schmalen und felsigen Abstieg zu erreichen. Dazu zweimal eine Bachüberquerung. Mehr geht nicht mehr! Heute Nacht gibt es „nur“ einen Schlafplatz im Heulager und ein sehr einfaches, aber gutes Essen. Die Gegend hier ist kaum erschlossen: kein Dorf, kein Geschäft, Strom nur mit Solarenergie.

Auch der nächste Tag hat es in sich – steile Abstiege mit viel Geröll und ich muss höllisch aufpassen, damit ich nicht wieder ausrutsche. In Hobita treffe ich an einem Haus auf eine Frau, die Deutsch spricht und frage, ob ich das Zelt auf dem Grundstück aufstellen darf. Das Haus dort ist im Bau und sie erlaubt mir in einem leeren Zimmer auf dem Boden zu nächtigen. Später bekomme ich sogar noch eine Kartoffelsuppe und Trauben gibt es in der Nähe als Nachtisch.

Kurz nach 7 Uhr laufe ich heute morgen los. Alles ist ruhig, als ich über Wisen und Felder mit Blick auf die umliegenden Berge zügig voran komme. In diese Berge laufe ich „hinein“. Der Ort Nucsoara ist der Ausgangspunkt. Auf einem Campingplatz mit deutschen Betreibern baue ich das Zelt auf. Eine kleine Küche gibt es, so kann ich mir etwas zu essen warm machen. Beim Zeltabbau am nächsten Morgen regnet es leicht und auch noch als ich in der Küche frühstücke. Da der Regen nicht aufhört, laufe ich irgendwann los und komme bald ins Schwitzen, da es gleich hoch geht.

In der Zwischenzeit hat es aufgehört zu regnen und so kann ich die beeindruckende Berglandschaft besser geniessen. Der Tag endet in einer Pension von Sarmizegetusa Ulpia, wo sich viele römische Ruinen befinden.

Der folgende Morgen beginnt wieder einmal mit einem Fehlstart- platter Reifen. Mittlerweile weiss ich, dass es Dornen sind, die sich in den Reifen bohren. Obwohl ich immer Ausschau nach diesen distelartigen Pflanzen halte, lässt es sich einfach nicht vermeiden. Es folgt eine lange Tagesetappe von über 30 Kilometern. Am Ende will ich auf einem Campingplatz in Marga übernachten, der im Wanderführer erwähnt ist. Als ich dort ankomme ist dieser – wohl schon längere Zeit – verschlossen. Ich erläutere einem Mann gegenüber meine Situation und er lässt mich sein Bad zum Duschen benutzen. Danach ruft er jemanden an, der kurz danach mit dem Auto kommt. Dieser Mann spricht spanisch und so können wir uns etwas unterhalten. Dann führen mich beide zu einem (geschlossenen) Ferienkomplex für Jugendliche. Sie schliessen mir auf und ich kann in einem Zimmer umsonst übernachten. So viel Vertrauen!

Der Abschied am nächsten Morgen fällt nicht leicht. Die nächsten zwei Tage geht es entlang einer ehemaligen Eisenbahnlinie, von der aber nichts mehr zu erkennen ist. Ich passiere die Stadt Otelu Rosu mit einigen Fabrikruinen – weniger schön anzusehen. Caransebes ist die letzte Stadt, bevor ich wieder auf einsamen Wegen bis Poiana laufe. Mitten im Nirgendwo steht dort ein Haus, wo ich mich mit den Vermietern treffe. Dort gibt es keinen Strom und kein warmes Wasser, dafür aber reichlich zu essen und ein Bett.

Am nächsten Tag komme ich am Ort Lindenfels vorbei bzw. was noch davon übrig geblieben ist – einige wenige Ruinen, fast schon zugewachsen von der Natur. Dafür aber äusserst aggressive Hunde!

Schon am Vortag hatte ich leichte Schmerzen oberhalb des linken Fußknöchels, die sich am heutigen Tag noch verstärken. Es geht nun fast nur bergab und ich muss den Wagen hinter mir immer mit dem Rücken abbremsen. In Garana frage ich beim örtlichen Rathaus nach einer Übernachtungsmöglichkeit und wenige Minuten später kommt ein Mann, der mich zu seinem Haus mitnimmt. Hier vermietet er ein Zimmer mit Essen. Denn der Ort hat nur im Sommer Saison – jetzt ist alles geschlossen und man sieht kaum Menschen. Garana liegt recht hoch und das Wetter hat umgeschlagen – es ist kalt geworden.

Der Weg am nächsten Tag ist überwiegend ein Forstweg, ausgewaschen, voller Pfützen und Traktorspuren – unangenehm zu laufen und vor allem unendlich lang! In Secu gibt es ein Hotel, wo ich heute mangels Alternativen übernachte. Mittlerweile ist mein Fußgelenk angeschwollen und das Wetter ist kühl und regnerisch. Mit Rücksicht auf meinen Fuß beschließe ich nach langer Überlegung die Wanderung etwa eine Woche vor dem Endziel zu beenden. Resita, ein ehemaliger Industriestandort ist meine letzte Station. Von hier aus fahre ich mit mehreren Zügen und mehrfachem Umsteigen zurück bis Baia Mare.

Eine anstrengende, aber überaus interessante und erlebnisreiche Wanderung ist zu Ende. Ich habe Teile von Rumänien kennen gelernt, die man auf diese Art und Weise nicht zu Gesicht bekommt.

Hans Jürgen Stang

andere beiträge

Radreise “Tour en France”

Radreise “Tour en France”

12.08. - 12.09.2024 Diese Fahrt beginne ich in Merzig/Saarland. Durch eine leicht hügelige Landschaft geht es zunächst entlang der Grenze zu Luxemburg und Belgien. Im Zentrum der Stadt Thionville unternehme ich einen kurzen Spaziergang bevor ich bei 35 Grad im...

Rumänien, Bulgarien und Nord-Griechenland

Rumänien, Bulgarien und Nord-Griechenland

Rumänien, Bulgarien, Griechenland: Radtour vom 07.08. - 13.09.2023Meine Radtour beginnt mit einer Fahrt mit dem Nachtzug von Baia Mare bis Bukarest und weiter mit lokalen Zügen bis Giurgiu in Rumänien. Mit dem Rad überquere ich dann die Donaubrücke und Grenze nach...

Sommer-Radtour in den Balkan

Sommer-Radtour in den Balkan

31.05. - 14.07.2022 Am letzten Tag im Mai starte ich in Ciocotis (Maramures/Rumänien). Schon der erste Tag ist durch viele Steigungen geprägt. In Tureni übernachte ich in einer Pension, aber vorher unternehme ich noch einen Spaziergang zum Beginn der Schlucht „Cheile...